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Jahreshauptversammlung

(nach § 32 BGB in Verbindung mit §§ 27, 36, 40 BGB)

Für uns – und wir wünschen jeder Leserin und jedem Leser, dass es Ihnen genau so ging – ist das Jahr schon mit einem Highlight gestartet: Unserer Jahreshauptversammlung. Das nun setzt nicht unbedingt unseren zuvor genannten Wunsch für Sie fort: wir haben Verständnis dafür, wenn eine Jahreshauptversammlung nicht zu Ihren persönlichen Highlights eines Jahres gehört und wünschen Ihnen in diesem Fall, dass Ihr Jahr mit einem anderen Ereignis angefangen hat!

Da nun aber für uns die Jahreshauptversammlung letztlich als Essenz des Vereinslebens gemäß BGB ein wenn nicht das Highlight des Jahres gewesen sein wird und wir angetreten sind, Sie zu unterhalten (wenngleich eigentlich in einer anderen Sparte als der des geschriebenen Wortes), wollen wir versuchen, diese Jahreshauptversammlung mit Ihnen zu teilen und sie zumindest in der Nacherzählung durch das Lesen erlebbar und fühlbar zu machen:

 

Schon zu Beginn der Jahreshauptversammlung wurde es hinsichtlich des Highlights sogar nahezu fraktal: Nicht nur, dass die Jahreshauptversammlung selbst ein Highlight des Jahres war, sondern auch der erste offizielle Tagesordnungspunkt war dann bereits ein Highlight der Jahreshauptversammlung! Es entspann sich nämlich mit der Begrüßung schon eine Diskussion – und genau das ist es, was für uns das Salz in der Suppe wenn nicht die Luft zum Atmen ist: über die Musik haben wir zusammengefunden, aber schon früh war klar, dass der Musikbetrieb nur die Existenzrechtfertigung ist, in deren Schutze wir unserer eigentlichen Leidenschaft frönen, dem Debattieren; nicht etwa dem sinnstiftenden Diskutieren, sondern dem reinen, der Last einer Zielorientierung enthobenem Debattieren als solchem. Es entspann sich also eine Diskussion darüber, inwieweit die Jahreshauptversammlung nun die nachgeholte des Jahres 2013 oder eine frühe des Jahres 2014 war, was erst nach etwa 15 Minuten einer dieser beiden möglichen Lösungen zugeführt wurde. Wobei dabei in einer interessanten Dynamik und mit dramaturgischer Finesse im ewigen Spannungsfeld zwischen Demokratie und Recht eine der beiden Lösungen bis kurz vor Schluss zu einer glänzenden Mehrheitsfähigkeit gebracht, ja getrieben wurde, dann aber in einem fulminanten Finale diejenige Lösung, die eigentlich zu spät und noch dazu im staubigen Gewand der juristischen Sauberkeit daherkam, den Sieg über die Demokratie davontrug, die somit einmal mehr vor der Juristerei kapitulieren musste. Schon nach diesem Auftakt der Jahreshauptversammlung lag eine gewisse Zufriedenheit, wenn nicht gar eine Befriedigung in der Luft. Eine entspannte Euphorie stellte sich ein, wie sie sich sonst zumindest unserer Erfahrung nach nur ergibt, nachdem man sich nach wochenlanger Fastenzeit wieder seinem persönlichen Rauschmittel ergibt oder nachdem man nach monatelanger Wartezeit endlich wieder Lebkuchen im Supermarkt findet. Und auch jetzt beim Schreiben flutet mich wieder dieses Gefühl, das – wie sich herausstellen sollte – trotz dem es zu diesem Zeitpunkt einem vorstellbaren Maximum glich, nur ein Vorgeschmack war. Und es wird nicht getrübt, sondern eher im Gegenteil fast noch einmal auf die Spitze getrieben dadurch, dass rückblickend die Debatte sogar so anregend war, dass das Ergebnis im schieren situativen Genuss schon zum Zeitpunkt des Beschlusses offenbar im Rausch so vernebelt wurde, dass es mir jetzt vollständig entfallen ist – kurz: Es war perfekt! Nüchtern betrachtet erschließt sich mir allerdings damit auch der Sinn eines Ergebnisprotokolls.

Dessen Verlesung für die letztjährige Jahreshauptversammlung übrigens der zweite offizielle Tagesordnungspunkt war. Dies stellte sich als für den Spannungsbogen überaus günstig heraus, denn in der Refraktärphase nach diesem ersten und vorläufigen Höhepunkt brachte diese Thematik die Spannung – in angenehmer Weise und ohne das Gefühl eines Absturzes – aufgrund eines akuten Mangels an Debattiersubstanz auf einen Tiefpunkt, auf dem aufbauend in einer stetigen Entwicklung hin zum widererwartend noch größeren Finale gesteuert werden konnte. Stationen auf diesem Weg, die für sich stehend in punkto Debatte schon Episoden nicht eines Fernseh-Mehrteilers, sondern einer Kino-Dodekalogie sein konnten, waren die überaus anregenden Tagesordnungspunkte Jahresbericht, Kassenbericht, Entlastung des Kassierers und Entlastung des Vorstandes. Einer leicht kontraintuitiven aber bestechend klaren Logik folgend wurde dann nach der fast einstimmigen Entlastung vorschriftsmäßig der Vorstand komplett neu gewählt – der dramaturgische Höhepunkt war zeitlich erreicht und setzte inhaltlich neue, zukunftsweisende Maßstäbe. Regelrecht heiß debattiert auf dem bisherigen Weg der Tagesordnungspunkte konnte die Debatte zu eben diesem Tagesordnungspunkt schon erste, bereits ebenso erfüllende wie ergebnisfreie Zeit damit verbringen, die juristische Definition und praktische Bedeutung von Vorstand, Beisitzern und Mitgliedern synoptisch gegeneinander zu stellen. Konsequenterweise losgelöst von den gedanklichen Fesseln dieses Ergebnisses und mit frischem Blick wurden anschließend die Begriffshüllen für die Ämter des Vorstands 1. Vorsitzender, 2. Vorsitzender, Kassierer und Schriftführer mit eigenen, „weird“en Aufgabenzuschnitten gefüllt und zwar wie um den belegten Widerspruch zwischen Recht und Demokratie Lügen zu strafen ohne rechtliche Einwände und gleichzeitig (!!!) mehrheitsfähig, bevor dann die verschiedenen Permutationen der Person-Ämter-Zuordnungen durchgegangen wurden, nicht, weil es stichhaltige Argumente für oder gegen die ein oder andere Zuordnung gab, sondern weil es gerade eben keine solchen, stichhaltigen Argumente gab und genau das nicht sein durfte. Kurz vor einer drohenden Einigung wurde dann in einem Augenblick geradezu mathematisch-genialer Erleuchtung in den Ring geworfen, dass die Mengen der Aufgaben der Vorstandsmitglieder notwendige, aber nicht hinreichende Mengen darstellen, um die Menge aller Aufgaben in einem Verein darstellen und verteilen zu können, dass also die vom Vorstand wahrgenommenen Aufgaben nur eine Teilmenge der Gesamtaufgabenmenge sind, woraus sich logisch und zwingend ergab, dass über den Vorstand hinaus auch für die sogenannten Beisitzer weitere Aufgabenbereiche und Aufgabenbeauftragte festgelegt und verteilt werden mussten, um nicht von einer intrinsischen bzw. organischen und damit ja der Leitkultur folgend notwendigerweise imperfekten Aufgabenerledigung abhängig zu sein, sondern um für jeden denkbaren Aufgabenfall perfekt vorbereitet zu sein, in der ebenso selbstverständlichen wie unbegründeten Annahme, dass auch die Umsetzung denkbarer Aufgaben dann perfekt läuft und undenkbare Aufgaben aufgrund ihrer Widernatürlichkeit geleugnet werden könnten. Eine ganze Stunde auf dem Gipfel der Debattierkultur endete mit einer einstimmigen Abstimmung und hatte was die Debattierkunst betrifft noch einen Kniff parat: durch die Veränderung in den Ämtern des Vorstandes und den Aufgaben der Beisitzer konnte den Höhepunkt nicht mehr herauszögernd, aber doch verlängernd genussvoll besprochen und diskutiert werden, welche Institutionen des öffentlichen Dienstes unterrichtet werden dürfen und darüber hinaus auch noch durch wen und warum sowie in welcher Form und warum; insofern hat der öffentliche Dienst seine wortgegebene Aufgabe gleich doppelt an uns erfüllt: mit seinen Vorschriften hat er uns, also der Öffentlichkeit, den Dienst erwiesen, uns nicht nur eine einzelne, sondern gleich eine ganze Welt der Debatte zu erschließen, und ermöglicht uns gleichzeitig, einen Dienst zu erweisen, indem wir die Ergebnisse öffentlich machen.

Vollständig erfüllt, befriedigt und ermattet wurden in den quasi nun als Epilog anschließenden Tagesordnungspunkten noch einige kleine, feine Debatten in der Nebensache geführt, die Termine, Ausflüge, Visitenkarten und – um den offiziellen, satzungsmäßig bestimmten Zweck des Vereins zu erfüllen – Proben sowie den obligatorischen Nachschlag „Sonstiges“ berührten und wesentlich dem Zweck dienten, dem erreichten nirvanischen Zustand des Genusses einen angenehmen Kontext zu verschaffen und das sich anschließende Ende der Jahreshauptversammlung nicht als abrupten Bruch zwischen Vergnügen und Wirklichkeit erleben zu lassen. Was auch gelang.

 

Gelang. Gelungen. Das ist damit letztlich gleichzeitig die treffende Bezeichnung nicht allein für diese Jahreshauptversammlung, sondern mehr noch für die Fügung und die Verbindung aus bürokratisch, reguliertem Vereinswesen und uns! Da kommt zusammen, was zusammen gehört! Keine Sekunde bereuen wir es, dass wir damals aus einem ja geradezu illegalen Ensemble heraus einen Verein gegründet haben. Einzig der Name ist nicht besser geworden: „weird voices“ wurde zu „weird voices e.V.“. Aber genau das gibt schon eine Idee für die nächste Jahreshauptversammlung, die das Potential hat, den diesjährig gelegten Benchmark der Debattierkunst zu knacken – wir sollten uns darüber unterhalten, inwieweit der Wechsel der Organisationsform bzw. der Gesellschaftsform zur „ltd.“ d.h. zur „limited“ möglich ist (wohlgemerkt möglich, nicht etwa sinnvoll…) – in Bezug auf den Namen wäre es in jedem Fall ein Gewinn… statt der sperrigen Konstruktion „weird voices e.V.“ hätten wir dann vielleicht den viel tiefsinnigeren und geschmeidigeren Namen „limited voices“.